Die Präsentation geht den Bildern nach, die das hybride Musikgenre des Anadolu Pop der 1960er und 1970er Jahre in der Türkei begleiten. Die Einzigartigkeit dieses Musikstils liegt in zwei Aspekten: Erstens in der polykulturellen Natur des Genres, das europäische, mediterrane, arabische, balkanische und andere post-osmanische “Musicscapes” (in Anlehnung an Appadurai 1996) vereint, und zweitens in der Vermischung ländlicher und städtischer Elemente bis zu einem Punkt, den man als “rurban” bezeichnen kann, ein Begriff aus dem Urbanismus. Letzteres muss auch im Zusammenhang mit den Migrationsströmen aus dem ländlichen Anatolien in die größeren Städte vor allem im Westen der Türkei untersucht werden. Anatolische Popmusik entwickelte sich in einem globalisierenden und lokalisierenden Kontext, einem “liminalen” Ort und Raum sowohl der nationalen als auch der internationalen interkulturellen Kommunikation (Bhabha 1994; Lie 2003).

Der rurbane Charakter des anatolischen Pops ist zum einen in der Musik selbst präsent, zum anderen aber auch in ihrer Instrumentalität, am deutlichsten in der Metamorphose der ländlichen Laute Saz in ein elektrifiziertes urbanes Rockinstrument, die E-Saz. Die Rurbanität ist jedoch auch in den Bildern enthalten, die zu dieser Musik produziert werden: für Plattencover, Zeitschriften und Filme, welche Musiker*innen, modische Kleidung, Accessoires und Instrumente zeigen. Diese Bilder können als “Dokumente” bestimmter sozialer, zeitlicher und/oder räumlicher Beziehungen gelesen werden und lassen sich daher mit der rekonstruktiven Dokumentationsmethode von Bohnsack (2011) analysieren. Anhand von”Hey”, einem türkischen Wochenmagazins für Popkultur, sowie Plattenhüllen aus den 1970er Jahren werden wir untersuchen, wie das Zusammenspiel von rurbaner Mode und Musik funktioniert und wie Diskurse in den fotografischen Bildern eingebracht wurden. Zudem werden wie die visuellen und diskursiven Verbindungen zwischen den “costumé aventure”-Filmen dieser Zeit und der anatolischen Popmusik untersuchen. Ziel dieser Analyse ist es also, den inkorporierten Habitus der Epoche aufzudecken, d. h. die oft unbewussten und unreflektierten Verhaltens- und Bewertungsmuster in einer Gesellschaft (Bourdieu 2014).